Michel Kaufmann

Chaos & Ordnung

Stellen wir uns ein Federmäppchen voller Buntstifte vor. Es sind unzählige Farben in zahlreichen Abstufungen. Die Stifte sind außerdem unterschiedlich lang, je nachdem, wie häufig sie benutzt wurden. Wir leeren den Inhalt des Mäppchens auf einen Tisch, um zu zeichnen. Was tun Sie? Greifen Sie nach einem der Stifte aus dem bunten Haufen und legen los? Lassen der Kreativität freien Lauf? Oder sortieren Sie erst einmal? Ihre Gedanken, Ideen, die Stifte? Nach Farben, nach Länge?

Sind Sie Team Ordnung oder Team Chaos?

Feste Strukturen, klare Regeln – Kontrolle. Es liegt in der Natur des Menschen, Ordnung schaffen zu wollen. Ordnung bedeutet Vorhersehbarkeit, Sicherheit. Denn das Leben ist kompliziert, es braucht Routinen, Gesetze, Systeme, an denen wir unser Tun ausrichten können. Auf der anderen Seite steht, untrennbar damit verbunden, das Chaos. Zufall, Unberechenbarkeit – Freiheit.

 

Chaos und Ordnung. Es sind Gegensätze, die eine Einheit bilden. Ordnung kann erst sichtbar werden, wenn sie gestört wird. Chaos kann der Ausgangspunkt für neue Ordnung sein.

Ordnung und Chaos sind, könnte man schlussfolgern, zwei Pole eines Prozesses. Ständig im Wandel, flexibel in höchstem Maße. Ordnung schafft Orientierung, stiftet Sinn. Chaos schafft Raum für Innovation und Kreativität jenseits festgefahrener Muster. Und mehr noch: Beide Pole – Ordnung wie Chaos – sind dazu imstande, uns Lust zu verschaffen. Es ist ein zentrales Spannungsfeld, in dem wir uns täglich bewegen. Immerwährendes Chaos wäre überfordernd, perfekte Ordnung langweilig. Ein Prinzip, das Sigmund Freud beschrieb: Lust als Spannung und deren Auflösung. Lust, schrieb Freud, sei ein Prozess. Prozesse sind Bewegung. Chaos und Ordnung.

Kultur auf der Spur lädt Sie in dieser Saison dazu ein, Ordnung ins (Wissens-)Chaos zu bringen. Oder bestehende Strukturen gnadenlos aufzubrechen. Einzutauchen in neue Welten. Oder vorhandene Strukturen sinnvoll zu ergänzen. Oder vielleicht beides. Heute Ordnung, morgen Chaos. Denn alles andere wäre langweilig.

Vorträge Frühjahr 2026

Veranstaltungsort ist das Bibliothekszentrum Klosterbau, Augustinergasse 8, 61169 Friedberg

Eintritt an der Abendkasse: 10 €, Mitglieder und Studierende: 5 €, Schüler*innen und Auszubildende haben freien Eintritt.

  • Literatur

    Prof. Dr. Nathanael Busch
    Philipps-Universität Marburg

    26. Januar 2026
    Montag 19:30 Uhr

    „Irgendwo hier muss es sein ...“
    Ordnung im Bücherchaos

    Spätestens wenn man anfängt, seine Bücher in zwei Reihen zu stellen oder quer aufeinander zu stapeln, weiß man: „Ich habe zu viele Bücher.“ Doch wer Bücher sammelt, kennt keine Grenzen, sondern bloß mangelnde Ordnung. Wie aber sortiert man seine Bücher im Regal? Die einen gehen streng nach Autornamen vor, andere sortieren nach Größe oder Farbe. Solche Taktiken sind zumeist uralt und haben ihre je eigene Geschichte, die gerade deshalb von Interesse ist, weil man an ihr einen kleinen Einblick in den Umgang mit Büchern in früheren Zeiten bekommt: Wie hat man gelesen? Wie sind Menschen anno dazumal mit der Informationsflut umgegangen? Denn egal ob in der Bibliothek von Alexandria oder in einem mittelhessischen Kloster: Man sah sich noch stets herausgefordert, das drohende Chaos abzuwenden. Lassen Sie uns herausfinden, ob uns das auch etwas über unseren heutigen Umgang mit Büchern verrät!

  • Poetik

    Dr. Matthias Eigelsheimer
    Schmitten

    16. Februar 2026
    Montag 19:30 Uhr

    Chaos, Ordnung, Poetik

    An diesem Abend soll es um etwas gehen, das in heutiger Zeit beinahe schon vergessen ist: die Poetik. Sie wurde einst von den Griechen als Regelwerk der Kunst entwickelt, um dem Chaos der Wahrnehmungen und Empfindungen Gestalt und Ordnung zu verleihen und das zerbrechliche, sterbliche menschliche Wesen dem Gefüge des Kosmos anzunähern. Dergestalt sollte es dem Menschen möglich sein, nicht nur die Wahrheit zu erkennen, sondern seinem eigenen Ausdrucke auch Wahrheit zu verleihen. In wechselnden Travestien wurde der Gedanke der Poetik durch die Epochen der europäischen Kulturgeschichte weitergetragen, den wechselnden Weltanschauungen, Kulten und Religionen angepasst, bis sie dann mit dem Aufbruch der Moderne ihren Stellenwert verlor. Über die Beweggründe ihrer Entstehung, ihr Wirken in der antiken Kunst und Philosophie, ihre Veränderungen in einem christlichen Europa und über die Folgen ihres Verschwindens wollen wir etwas erfahren.

  • Physik

    Dr. Fabian Schubert
    Offenbach

    2. März 2026
    Montag 19:30 Uhr

    Chaos und Ordnung: Von Newton zu neuronalen Netzen

    Die Welt als gigantisches Uhrwerk: alles vorherbestimmt durch Naturgesetze? Oder herrscht letztlich doch der Zufall? Um diesen Fragen nachzugehen, bewegen wir uns durch die Geschichte der modernen Naturwissenschaften und widmen uns dem Spannungsfeld zwischen Chaos, Ordnung und Vorhersagbarkeit. Ausgangspunkt ist das deterministische Weltbild der klassischen Mechanik, das in der frühen Neuzeit entstand – und schon bald Risse bekam. Schon im 19. Jahrhundert begannen Forscher:innen das Chaos als fundamentalen Bestandteil bestimmter physikalischer Systeme zu identifizieren und mit mathematischen Methoden zu erfassen. Im 20. Jahrhundert ging die Quantenmechanik dann gänzlich neue Wege und negierte die Vorhersagbarkeit physikalischer Prozesse auf atomarer Ebene. Wir werden den Einfluss der Chaosforschung auf verschiedene Forschungsdisziplinen nachvollziehen – von der Entstehung des buchstäblichen Verkehrs-„Chaos“ bis hin zur Wettervorhersage. In diesem Zusammenhang wagen wir auch einen Blick auf die Neurowissenschaften und auf die Frage, was wir aus dem steten Wechselspiel zwischen Chaos und Ordnung über unser freies (?) Denken und Handeln und die Zukunft der künstlichen Intelligenz lernen können.

  • Kunst und Mathematik

    Ulrich Meyer
    Friedberg

    16. März 2026
    Montag 19:30 Uhr

    Aperiodische Parkettierungen

    Was hat ein Kachelornament im Darb-e-Imam-Schrein aus dem 15. Jahrhundert mit dem Chemie-Nobelpreis 2011 zu tun? Die Antwort lautet „aperiodische Parkettierungen“. Diese werden seit den 1960er-Jahren untersucht. 1973 entdeckte Roger Penrose (Physik-Nobelpreis 2020) eine wunderschöne nach ihm benannte Parkettierung. Obwohl das exotische Thema ein Nischendasein führt, sorgt es immer wieder mal für Überraschungen: 2023 wurde das „Gespenst“ entdeckt, eine Lösung des Einstein-Problems, das man schon fast aufgegeben hatte und übrigens nichts mit dem Entdecker der Relativitätstheorie zu tun hat. Verwirrt? Auch ohne Mathematik faszinieren diese Muster beim Betrachten durch das Nebeneinander von Chaos und Ordnung! Sollte da eine höhere Ordnung im Spiel sein?

  • Religionsgeschichte

    Ursula Stock
    Friedberg

    13. April 2026
    Montag 19:30 Uhr

    Das Chaos und die Entstehung der Welt

    Über unser Schicksal nach dem Tod wüssten wir Menschen alle gern Bescheid. Aber auch woher wir kommen ist wichtig, zumal es vielleicht einen Hinweis darauf gibt, wohin wir gehen. Der Kosmos, die Welt, die Natur, alles ruht in einer vorgegebenen Ordnung. Was aber war vor dieser geordneten Welt? Viele Kulturen antworten: das Chaos, das ganz und gar Ungeordnete, vorstellbar als absolute Leere oder als vollkommene Fülle. In jedem Falle entzieht sich dieses Chaos jeglicher menschlichen Einflussnahme. Seine Fremdheit, seine Undurchsichtigkeit machen dem Menschen Angst. Andere Religionen versuchen, das Chaos als eigenständige Macht auszuschalten, und erwarten die Schöpfung der Welt allein von Gott. Das ist tröstlich, denn zu Gott lässt sich Kontakt finden, zum Chaos niemals.

    Im Anschluss findet die Jahreshauptversammlung für 2025 statt.

  • Fotografie

    Dipl.-Des. Laura Brichta
    Offenbach

    27. April 2026
    Montag 19:30 Uhr

    Zwischen Komposition und Zufall

    Ordnung und Chaos sind Gegensätze, die in der Fotografie auf überraschende Weise zusammenfinden. Ein Bild kann streng komponiert wirken und zugleich wild pulsieren; ein Moment sorgfältig inszeniert sein und doch spontane Lebendigkeit ausstrahlen. Der Vortrag nimmt diese Spannung zum Ausgangspunkt und beleuchtet anhand verschiedener künstlerischer Positionen, wie beide Pole in der Fotografie aufeinandertreffen und warum gerade dieses Wechselspiel die Bildsprache so faszinierend macht. Wir hinterfragen die Illusion spontaner Szenen, entdecken verborgene Strukturen im scheinbaren Durcheinander und zeigen, wie Planung und Zufall miteinander korrelieren. Wenn gesetzte Details und ungeplante Momente gemeinsam eine Bildwelt formen, wird unser Blick stark von dieser Spannung geleitet und beeinflusst, was wir zuerst wahrnehmen. So entstehen visuelle Geschichten, in denen Struktur und Wirrwarr sich durchdringen – ein Chaos, in dem jedes Detail zählt.

  • Archäologie

    Dr. Matthias Recke
    Goethe-Universität Frankfurt

    11. Mai 2026
    Montag 19:30 Uhr

    Chaos und Ordnung. Suggestive Bilder aus der griechischen Antike

    Chaos, der leere Urzustand der Welt, hat in der griechischen Antike eine intensive mythologisch-philosophische Auseinandersetzung erfahren. Dabei stand seit dem 8./7. Jahrhundert v. Chr. insbesondere die Rolle in der Kosmogonie, der Weltschöpfung, im Vordergrund. Erst spät entwickelte sich ein Verständnis von Chaos im heutigen Sinne von völliger Unordnung und Durcheinander. Der reich illustrierte Vortrag wird sich vor allem mit Darstellungen befassen, die auf ganz unterschiedlichen Ebenen zeigen, wie bestimmte Motive und Szenen in Abgrenzung zu Elementen der Un-Ordnung gezielt eingesetzt werden, um das Bild einer idealen göttlichen Weltordnung zu propagieren. Da geht es um den Kampf der Giganten gegen die Götter, um die Auseinandersetzung einzelner Helden wie Odysseus, Achill oder Theseus mit Gegnern, die auf ganz unterschiedliche Art und Weise als nicht-regelkonform diffamiert werden, und generell um die Abgrenzung von allem Fremden – zur Machtlegitimation eines elitären Herrschaftsanspruchs, zur Bestätigung und Selbstvergewisserung einer sich überlegen fühlenden Gesellschaft. Und damit zeigt sich wieder einmal in erstaunlicher Aktualität, wie lebendig Vorstellungen der Antike sein können.

  • Kunst und Philosophie

    Dr. Stefan Scholz
    Haus am Dom Frankfurt

    8. Juni 2026
    Montag 19:30 Uhr

    Gähnender Abgrund – gähnende Langeweile
    Impulse und Impulsives zu Chaos und Ordnung

    Das griechische ‚chadsein‛ meint wortwörtlich ‚gähnen‛. Ordnung ermöglicht Leben, Untergang der Ordnung stellt Leben in Frage; gähnende Leere anstelle mannigfaltiger Fülle. Strikte Ordnung stranguliert das Leben, anarchisches Chaos sprengt die Enge und schafft Luft zum Atmen. Chaos ist nicht immer chaotisch, Ordnung nicht immer ordentlich. Die Gegensätze sind mehr ineinander verwoben, als einem lieb sein mag. Hinter den Kulissen der Ordnung herrscht bisweilen Chaos, dem Chaos fehlt das strikte Geordnetsein, es fehlt an Sicherheit, doch mangelt es nicht unbedingt an Wahrscheinlichem. Chaos ist die Prise Salz in der Suppe der Ordnung, Ordnung schlummert verborgen in manch Chaotischem.

Mit freundlicher Unterstützung

Das Projekt wird vom Hessischen Ministerium für
Wissenschaft und Forschung, Kunst und Kultur gefördert.

Kultur auf der Spur - Volksbildungsverein Friedberg/Hessen e.V.

ist ein alter Verein mit einem immerjungen Ziel.

Im Gründungsjahr 1872 wollte er „das Volk bilden“.
Heute ist er „der Kultur auf der Spur“.

In jeder Saison wird ein Thema aus möglichst unterschiedlichen Richtungen beleuchtet.

 

Entdecken Sie Mitschnitte ausgewählter Vorträge auf unserem Youtube Kanal.

Die Jahreshauptversammlung für das Jahr 2024 findet am Montag,
den 31. März 2025 im Anschluss an den Vortrag statt.

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